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Arianit Xhaferi

In Mazedonien gibt es eine Bürgerbewegung, wo sich die Bewohner von Tetovë  angesichts der ökologischen Probleme in dieser Stadt zusammenschlossen haben, um ihre Anliegen gemeinsam zu behandeln. Die Bewegung nahm sehr schnell nationale Ausmaße, nannte sich « Eco Guerilla » und hatte den Mut, als einzigartig in der Geschichte dieses Landes, klare Forderungen an den zentralen und kommunalen Behörden zu setzen.
In einem Interview mit Arianit Xhaferi, dem Vertreter dieser Organisation, haben wir versucht zu lernen, was die Gründe waren, die ihn dazu gedrängt haben, sich in den Anliegen der ökologischen Probleme in den Balkanländern zu engagieren.

Herr Xhaferi, wofür steht die Ecoguerilla Organisation und was sind ihre Ziele ?
Ecoguerilla ist eine Bürgerbewegung, die aus der Notwendigkeit geboren wurde, das Problem der Luftverschmutzung in der Polog-Region, vor allem aber in der Stadt Tetovë und Gostivar zu adressieren. Sie fungiert als eine Gruppe von politischem Druck und ist in drei Hauptbereichen unterteilt :
1. Umweltschutz,
2. Der Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit und
3. Die Rechte von Menschen
Alle drei dieser Sektoren stehen miteinander in Beziehung in Verbindung mit sauberer Luft, sauberem Boden und Wasser – denn das sind elementare Rechte und kein Luxus. In der Regel meinen die Politiker auf dem Balkan die  Ökologie sei ein Luxus und genau diese Art von Politiker hat zu einer Abwertung der demokratischen Werte und der Rechtsstaatlichkeit in Mazedonien geführt.
Ecoguerilla hat sich dazu verpflichtet, die Einhaltung der Gesetze und der Verfassung einzufordern, die eindeutig eine saubere Umwelt garantieren. Zudem engagieren wir uns für die Sanktionierung jener, die die Umwelt verschmutzen. Im Moment geschieht in Mazedonien weder das eine, noch das andere.

Wie sehen Sie die ökologischen Situation in Mazedonien und in anderen Balkanländer ?
Eco GuerillaDer allgemeine Eindruck ist, dass nicht nur Mazedonien, sondern auch die Länder der Region (Kosovo, Serbien, Albanien, Montenegro, Bosnien, etc.) unter der Leitung von einer gleichen Garnitur von Politikern, die den Bürgern die “reine Umwelt” als ein Luxus verkaufen und der wirtschaftlichen Entwicklung absolute Priorität geben – dabei erkennen sie nicht, dass eine saubere Umwelt human und ein Grundrecht ist, und dass Ökologie und Ökonomie Hand in Hand miteinander harmonieren und sich einander in der  Entwicklung und Förderung ergänzen sollten. Die Tatsache, dass keiner der Länder mit der vollen Kapazität in dieser Richtung arbeitet, um auch einen Wandel zu bringen zeigt deutlich, dass in diesen Ländern den Politikern das Bewusstsein für Umweltschutz fehlt und im schlechtesten Fall ist ihnen dieses Thema so gleichgültig, dass sie die Zerstörung von Luft, Wasser und Boden in Kauf nehmen, wo sie selber mit ihren Familien leben. Der Umweltschutz ist eine zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts und die einzigen Elemente, die sich in den Balkanländern um das Problem sorgen, sind die Organisationen der Zivilgesellschaft.

Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bürger über den Umweltschutz ?
Leider ist den Menschen die Rolle, die jeder von uns dem Schutz und der Sicherung der Umwelt gegenüber hat, nicht bewusst.
In Mazedonien, vor allem in Tetovë, wurden positive Schritte in diese Richtung bemerkt, und darauf kann Ecoguerilla stolz sein, denn Ende des Jahres 2013 wussten die Bürger nicht, was die Luftverschmutzung ist, welche Faktoren dazu beitragen und wer die Schuldigen sind. Die Ironie könnte nicht grösser sein, als die Einwohner von Tetovë die Luftverschmutzung für Nebel hielten. Drei Jahre danach ist die Verschmutzung zum Tagesthema geworden, jeder weiss, wer die Faktoren, Ursachen und Schuldigen sind. Der Grund wieso die Probleme nicht gelöst werden können, liegen bei den Politikern, die, wie ich schon erwähnt habe, kein genügendes Bewusstsein für die Umwelt haben.

Wieviel arbeitet die Regierung hinsichtlich der Lösung der Probleme und hat sie einen Plan für die Umwelt und ihre Erhaltung ?
Die mazedonische Regierung hat ein grosses Nichts in dieser Richtung getan. In Tetovë wird eine Produktionsanlage für Eisenlegierungen (schwere Metallurgie), bekannt als “Jugohrom Ferroalloys”, betrieben, die während des Herstellungsprozesses große Mengen an Brennkohle von sehr geringer Qualität verfeuert, und als Folge der fehlenden Filter, wird die Luft, die die Bevölkerung von Tetovë einatmet, mit 30 Tonnen Staub pro Tag verschmutzt. Tetovë ist der lokale Champion, oft an der Spitze der europäischen Staaten, was das Vorhandensein des Partikels PM10 anbelangt, der das 20-fache des Erlaubten überschreitet. Dieses Teilchen (PM10) wurde als krebserzeugend von der Weltgesundheitsorganisation identifiziert. Die mazedonische Regierung hat dem Betreiber der Produktionsanlage mehrmals eine Frist für die Installierung von Filtern gesetzt, die allerdings jedesmal verstrichen ist, ohne das etwas unternommen wurde. Während diesem Prozess wurde eine klare Unseriosität festgestellt. Als Beispiel: Für den Augenblick wird die jüngste Frist des operativen Plans für die Einrichtung von Filtern am 31. Oktober 2016 ablaufen, während Jugohrom noch nicht einmal den ersten Teil des operativen Plans abgeschlossen hat, der eigentlich vor 4 Jahren hätte abgeschlossen werden müssen. Die Regierung behauptet Pläne für den Schutz der Umwelt zu haben, doch diese Pläne werden in der Realität und auf dem Feld nicht umgesetzt.

Welchen Schwierigkeiten seid ihr während euren Aktivitäten begegnet und wurdet ihr an der Durchführung eurer Bürgerrechte gehindert ?
Eco Guerilla als eine neue Organisation in diesem Tätigkeitsbereich ist mit vielen Problemen konfrontiert worden, wie der Mangel an finanziellen Mitteln, um die Öffentlichkeit besser erreichen und informieren zu können – diese Lücke konnten wir  zumindest teilweise in Zusammenarbeit mit vielen Informationsportalen und anderen Medien schliessen. Andere Probleme hatten wir mit unseren Bemühungen die Bürger zu überzeugen, dass die Verschmutzung real ist, dass wir nicht eine Organisation sind, die einer politischen Partei dient und dass Jugohrom und andere Luftverunreiniger unter Kontrolle gebracht werden müssen. Verschiedene Formen von Druck wurden auf uns ausgeübt, von Verlockungen, bis hin zu der Tendenz unser Schweigen zu kaufen. Wir wurden auch persönlich bedroht – aber wir haben uns dem widersetzt und sind heute dort wo wir sind.

Wer sind die Akteure und Interessengruppen, die der Umwelt heute den größten Schaden zufügen ?
Es gibt mehrere Faktoren, die zu diesem Grad der Verschmutzung in Tetovë beitragen. Die geographische Lage von Tetovë, einer Stadt im Polog-Tal, umgeben vom Sharr-Gebirge und dem Gebirge „Mali Thatë“, ist einer der Faktoren. Aber auf das Klima wirkt sich auch die Geschwindigkeit und die Windrichtung, der Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit, aber auch das urbane Chaos – die wahllose Überbauung, die eine normale Luftzirkulation blockiert.
Es gibt auch einige Ursachen der Verschmutzung, die von der Fabrik „Jugohrom“ und anderen kleineren Fabriken in der Stadt, die unterschiedliche Materialien für das Heizen im Winter verbrennen, die zahlreichen Mülldeponien rund um die Stadt, die oft in Brand gesteckt werden, der Mangel an öffentliche Verkehrsmittel und die vermehrte Nutzung von Fahrzeugen für Einmannfahrten, während auch Haushalte in erster Linie mit Holz und mit anderen nicht umweltunfreundlichen Brennstoffen beheizt werden, der Mangel an Grünflächen, usw.
Am wichtigsten in dieser Aufrechnung ist, dass wir uns in erster Linie mit der Zentralregierung und mit der Stadtverwaltung von Tetovë befassen, die die Verursacher von Verschmutzung tolerieren und das Gesetz nicht durchsetzen, aber den Bürgern auch Alternativen bieten, um sie für mehr Achtsamkeit gegenüber der Umwelt zu bewegen.

Wir beobachen, dass starke Regenfälle in Mazedonien regelmässig zu Überschwemmungen im ganzen Land führen, auch mit tragischen Folgen, wie im letzten Jahr in Tetovë und dieses Jahr in Skopje. Wo liegt das Problem ?
Regen ist ein natürliches Phänomen, und das wissen wir alle. Was unsere Politiker den Bürgern wiederum einzutrichtern versuchen ist, dass die Überschwemmungen ein Naturphänomen, ja, ein „Gottes Werk“ sind. Überschwemmungen kommen in unseren Ländern vor allem wegen der sehr schlechten Infrastruktur, oder das Fehlen einer angemessenen Infrastruktur vor. Über 80% der Stadt Skopje hat keine atmosphärische Kanalisation, und die, die vorhanden ist, wird nicht unterhalten, deshalb hält unsere Bevölkerung jedes Mal den Atem wenn es regnet, mit der Frage, welches Teil des Landes dieses Mal überschwemmt wird. Tetovë hat auch ähnliche Probleme. Aber eines der grössten Probleme bei uns, das Überschwemmungen und Erdrutsche verursacht, ist auf die massive Entwaldung zurückzuführen, die gestoppt werden muss. Dies erfordert ein breites Engagement, nicht nur der Behörden, sondern auch der Bevölkerung, die planlos Bäume fällt. Ihnen müssen wir beibringen, dass das übermässige Fällen zu Problemen führt und ihren Kindern die Grundlage zum Leben raubt.

Was muss sich Ihrer Meinung nach im Verhalten der Bürger und der zentralen und lokalen Regierung ändern ?
Die Bürger müssen erkennen, dass wir keine Notfallpläne haben und sie sollten die politischen Parteien auch nach der Tatsache beurteilen, was sie für eine Einstellung der Umwelt gegenüber haben. Eine höhere Bildung im Bereich Umweltschutz ist sehr wichtig, um das Bewusstsein der Gesellschaft zu haben, die nicht mehr bereit sein wird Wucherern und unverantwortlichen Personen das Regieren des Landes zu überlassen. Auf der anderen Seite sollte die Zentralregierung definitiv Massnahmen ergreifen, die zu sofortigen und greifbaren Ergebnissen im Umweltschutz führen werden, wie die Liberalisierung des Energiemarktes, die vielfältige Auswirkungen haben wird: die Beendigung des Abbaus von Kohle, welche zur Energiegewinnung verwendet wird, die Verringerung der Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke, die Beendigung der Ausbeutung und Verschmutzung von Trinkwasser an Flüssen und Bächen von Seiten der Wasserkraftwerken, die Subventionierung von Solar- und Windenergieanlagen, die zu einem sehr wettbewerbsfähigen Preis für Energie führen wird und der Rückgang der Nachfrage nach Holz für das Heizen der Haushalte durch die Verwendung von Alternativen, die Kontrolle der Fahrzeuge, die in Mazedonien ohne jegliche Umweltstandards verkehren, höhere Investitionen in die Schaffung von Grünflächen in städtischen Gebieten, ein Moratorium, welches die Abholzung von Wäldern stoppen sollte, vor allem in Ländern, die besonders anfällig für Überschwemmungen und Erdrutsche sind, und insbesondere das Durchsetzen der Verfassung und der Gesetze gegenüber von Produktionsanlagen und Fabriken, die die Umwelt schwer belasten, um gute Lebensbedingungen zu schaffen.

Wie wichtig ist die Rolle der Presse und der Medien in Umweltfragen ?
Die Medien haben eine sehr wichtige Rolle in dieser Hinsicht, und ich denke, dass alle Organisationen mit den Medien zusammenarbeiten sollten, um die Bürger informieren zu können, um den Anstoss zum Nachdenken zu geben, um auch den notwendigen Druck auf die Behörden erzeugen zu können. Mehrere Medien in Mazedonien (keine Regierungsmedien) haben einen ausserordentlichen Beitrag zur Sensibilisierung der Bürger über das Problem Luftverschmutzung, den Folgen davon und die Massnahmen, die getroffen werden müssen,  geleistet.

Ihrer Erfahrung nach, was wäre Ihr Rat für andere Nichtregierungsorganisationen und ihr Aufruf an die Bürger unserer Länder ?
Mein Rat für andere Nichtregierungsorganisationen ist nichtstaatlich zu bleiben, der Gemeinschaft zu dienen und nie aufzuhören in der Entwicklung und Verbesserung der Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter zu investieren. Es ist wichtig, dass alle Organisationen, die im zivilen Sektor tätig sind, erkennen, dass sie da sind, um eine Lücke zu füllen, die die Regierung oder die örtlichen Behörden nicht tun können, und nicht auf die Dinge verzichten, die für die Gemeinschaft von Bedeutung sind, egal wie schwierig solche Missionen erscheinen. Die Bürger unserer Länder sollten im Hinblick auf ihre Rechte aufgeklärt werden und sie sollten darüber Kenntnis haben,  welche Pflichten die Politiker haben. Die Suche nach der Verantwortlichkeit ist eines der Eigenschaften, die die modernen Bürger unserer Länder haben müssten, vor allem wegen der Tatsache, dass die meisten der Politiker, die uns regieren (zumindest bisher), als korrupt bekannt sind. Der Bürger sollte auf seine Rechte nicht verzichten und vom Rechtssystem verlangen, dass korrupte Politiker den Gerichten zugeführt werden und die Strafe büssen infolge der Schäden, die sie an Mensch und Land verursacht haben. Ihr verdächtiger Reichtum sollte ebenfalls beschlagnahmt werden – das wird, so hoffe ich, eine gute Lehre für zukünftige Politiker sein, dass Korruption mit den härtesten Mitteln bestraft wird.

Interview ausgearbeitet und übersetzt,
aus Albanisch in Deutsch,
von Florim Kadriu,
freier Mitarbeiter für Nation Bicéphale,
Tetovë, September 2016

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